Julian Draxler, du hast mein Leben zerstört

Naja, mein Leben nicht wirklich. Eigentlich eher nur 2 Wochen davon. Und wenn man ganz ehrlich ist, bin ich sogar selber Schuld daran. Was ich also eigentlich sagen wollte, war: Julian Draxler, du bist der beste Mann. Dies ist die Geschichte unseres ersten Zusammentreffens. Wobei „Zusammentreffen“ in diesem Zusammenhang ein extrem dehnbarer Begriff ist.

Meine kleine Geschichte trug sich zu an einem kalten Januar-Abend im Jahr 2011. Wie an so vielen Wintertagen ging ich auch an diesem meiner Lieblingsbeschäftigung nach: Ich lag krank im Bett. Vor wenigen Monaten hatte mich meine Freundin, die ich demnächst zu ehelichen gedachte, per Skype-Chat aus Shanghai verlassen und mir so jeglichen Lebenswillen geraubt. Ich lag die meiste Zeit im Bett und starrte an die Decke. Ab und zu war ich gesund dabei, meistens aber grippal geschwächt. Die körpereigenen Abwehrkräfte sind keine besonders guten Helfer, wenn man ständig Whisky-Cola trinkt und mit seinen Gedanken bei einer besseren Zeit ist, die nie mehr wiederkommen wird.

Schalke war in diesem Frühjahr so ziemlich das Einzige, das in der Lage war, mich zumindest kurzzeitig aus meiner Lethargie zu reißen. Als hätten Raúl und Co. um diesen Fakt gewusst, spielten sie in dieser Saison so häufig wie möglich, auch unter der Woche. International hießen die Gegner Valencia, Mailand und ManUnited. Im DFB-Pokal sollten es an diesem denkwürdigen Tag unsere Freunde aus Nürnberg sein. Ich hatte noch kurz überlegt in die Kneipe zu gehen, in der einige meiner Freunde das Spiel der Königsblauen zu verfolgen gedachten, entschied mich durch den extremen Schwindelanfall beim Versuch das Krankenbett zu verlassen dann aber doch dagegen. Es hatte ja eh alles keinen Sinn. Seufz. Also schleppte ich mich zum Kiosk an der Ecke, kaufte mir in weiser Vorraussicht auf eine eventuelle Verlängerung 4 Flaschen Reissdorf Kölsch und kroch zurück in meine durchgelegene Bettstatt.

Schon damals hatte der FC Schalke 04 die nervenaufreibende Angewohnheit das bessere Team zu sein und trotzdem regelmäßig in Rückstand zu geraten, dem dann hintergelaufen werden durfte. So auch in diesem DFB-Pokal-Viertelfinale. Und zwar gleich 2 Mal. Eine Unverschämtheit, wenn ihr mich fragt. Wussten unsere Freunde aus Nürnberg etwa nicht, in was für einem Zustand ich mich befand? Dass ich Trost und spontane Endorphin-Ausschüttungen zur Zeit mehr als alles andere brauchte? Es schien ihnen egal zu sein. Schalke dagegen kämpfte, rackerte und tat alles in seiner Macht stehende, um mich vor dem totalen Abrutschen in die Depression zu retten. Allerdings war Nürnberg an diesem Abend ein verdammt gefährlicher Gegner. Das Spiel stand lange auf Messers Schneide. In der 2ten Hälfte der Verlängerung hatte ich bereits meine 4 Bier getrunken und trotz desolaten Gesundheitszustands eine Dreiviertelpackung Zigaretten geraucht. Alkohol, Adrenalin und Nikotinflash verhinderten zu diesem Zeitpunkt effektiv, dass ich noch irgendwas von meiner Krankheits-Symptomatik zu spüren in der Lage war.

Wir schrieben die 119. Spielminute. Alle hatten sich bereits auf ein Elfmeterschießen eingestellt. Alle? Fast alle! Denn da war ja noch dieser junge, schlacksige Spieler, 17 Jahre alt, aussehend wie eine Mischung aus Michael Cera und dem frühen Tom Hanks, der soeben das Feld betreten hatte. Julian Draxler, so sein Name. Zu jung eigentlich für diese Art von Spiel. Zu frisch, zu neu, zu unerfahren um unserer wackligen Mannschaft auf dem Weg ins Halbfinale zu helfen. Nur hatte dies scheinbar niemand Draxler selber verraten. Der nahm sich einfach den Ball, ließ einen Gegenspieler aussteigen, zog zentral an der Strafraumkante ab… und traf so wunderschön den linken Torwinkel, dass ich schreiend einmal von meinem Zimmer in die Küche und zurück lief. Trotz Fieber, Heartbreak und Alkoholdemenz. In diesem Moment war alles gut. Alles.

Kurz darauf pfiff der Schiedsrichter ab. Wir hatten gewonnen, standen im DFB-Pokal-Halbfinale. Wahnsinn. Und immer wieder dieses Tor. Julian Draxler, der den Ball und die Verantwortung aufnimmt und einfach abzieht. Jugendlich unbekümmert mitten ins Nürnberger Herz. Und – auf eine andere Art und Weise – in die Herzen von uns allen. A Star was born. Julian motherfucking Draxler, Alter. Unfassbar! Von Endorphinen und Adrenalin getragen, hielt mich nichts mehr in meinem Bett. Ich zog mir rasch eine blaue Jeans an, mein einziges paar Schuhe – schwarze Chucks – und dazu das 2001er Trikot mit der Rückenaufschrift „Asamoah“, das ich bis heute mit Stolz trage. Zum ersten Mal seit Monaten ging es mir richtig gut. Das musste gefeiert werden. Mit den „Schalker Hits“ der Lokalmatadore im Ohr lief ich in die Kneipe, in der ich von meinen Freunden erstaunt, aber herzlich begrüßt wurde.

Auf dem Bildschirm liefen noch immer Wiederholungen. Das Draxler-Tor zum Xten Mal. Noch immer unbeschreiblich. Kein verfickter Künstler hätte es besser malen, keine Musiker in Noten, kein Literat in Worte fassen können. Geilheit in Perfektion. Alle meine Effzeh-Freunde wollten von mir wissen, wer denn dieses 17jährige Wunderkind in Königsblau sei – Ich hatte keine Ahnung! „Julian motherfucking Draxler halt!“, antwortete ich, und wurde verstanden. Dann flossen die Biere. Eins nach dem anderen, in Rekordtempo, bämbämbäm. Es musste inzwischen ziemlich spät gewesen sein.

Auf dem Weg zurück von den sanitären Anlagen stellte sich mir plötzlich ein Mädchen in den Weg. „Cooles Trikot!“, sagte sie und lächelte mich an. „Bist du Schalke-Fan?“, fragte ich zurück. „Nein, aber ich liebe Asamoah. Der kommt wie ich aus Ghana“, antwortete sie. „Ghana ist ein schönes Land“, behauptete ich, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben. „Darf ich dich auf einen Drink einladen?“. Sie war einverstanden. In den nächsten Stunden erfuhr ich eine Menge über sie, ihr Land und die Trinkfestigkeit ghanaischer Frauen. Zumindest solcher, die in Köln und mit Kölsch aufgewachsen sind. Irgendwann waren alle meine Freunde weg. Ich guckte auf die Uhr, es war kurz vor 5. „Fuck…“, sagte ich. „Komm, wir gehen“, antwortete sie, nahm meine Hand und zog mich nach draußen. An den Weg zu ihrer Wohnung kann ich mich kaum mehr erinnern. Nur noch an das Radiohead-Poster in ihrer Küche und an die lilane Samtbettwäsche im Schlafzimmer. Und daran, dass ich verstand, dass mein Leben nicht für alle Zeiten scheiße bleiben würde.

Als ich aufwachte, brauchte ich eine Weile um mich an alles zu erinnern. Ich zitterte am ganzen Körper. Es war eiskalt in ihrem Zimmer. Ich war nackt und die Decke lag irgendwo neben dem Bett. Mein Körper war ein Eisklumpen. Neben mir schlief Joanna. Ohne sie zu wecken, zog ich mich an und schlich zitternd zu meiner Wohnung. Es war fast Mittag, trotzdem legte ich mich ins Bett und schlief sofort wieder ein. Kater, Grippe und Unterkühlung formierten sich zu einer mörderischen Mischung Boshaftigkeit. Ganze 2 Wochen lag ich danach im Bett. Bewegungsunfähig, mit hohem Fieber und Schmerzen in so ziemlich jedem Teil meines Körpers. Obwohl ich Joanna nie wieder gesehen habe, war es wie die kathartische Geburt eines neuen Ichs. Angestoßen von einem ganz besonderen Tor in einem ganz besonderen Spiel von einem ganz besonderen Schalker. Julian Draxler, du hast mein Leben zerstört. Und ich danke dir dafür!

David

David

Modebeauftragter a.D.
David

Letzte Artikel von David (Alle anzeigen)