20 Mrz

Die Geschichte des kleinen Julio Trintaeum

Wie jedes Jahr in der Winterpause machte mein Bruder Mikele sich auch zum Beginn des Jahres 1998 auf eine Scoutingreise für den Gladbecker Club BV Rentfort. Sein Ziel sollte dieses Mal Parajuru in Brasilien sein. Ein damals noch sehr arme Dorf. Dort, so hörte man, lebte ein vierjähriger Junge namens Julio, der sogar jeden Erwachsenen mit seinen Übersteigern schwindelig spielen würde.

Die brasilianischen Klubs hatten es bisher versäumt, dieses Jahrhunderttalent zu binden. Mikele verdankte es seinem Freund Patata Ensalada, den er aus gemeinsamen Zeiten bei Adler Ellinghorst kannte, und der sich nun, nach seiner aktiven Fußballerkarriere, als Sozialarbeiter in ebenjenem Dorf engagierte, dass er als einziger Scout von diesem Juwel wusste.

Nachdem Mikele sich selbst von den Qualitäten des kleinen Julios überzeugt hatte, ging alles ganz schnell. Verträge wurden unterschrieben, ca. 300 Paletten beste deutsche Steinwolle wechselten den Besitzer und Julio befand sich, ehe er sich versehen konnte, im Flieger nach Deutschland.

Doch Mikele musste bald feststellen, dass Julio nicht wie die anderen Jungs waren, die er von seinen weiten Reisen mitbrachte. Er war unglücklich, fühlte sich fremd. Nach Fußball spielen war ihm nun gar nicht. Schnell wandten sich die Vertreter der großen Klubs der Region, die den Gerüchten um den vermeintlichen Superstar gefolgt waren und sich selbst ein Bild machen wollten, ab. Mikele aber wusste, was er gesehen hatte, und wollte den kleinen Julio, den er bei zu Hause aufgenommen hatte, keinesfalls aufgeben. Zu viel hat er für die Unterstützung der Hilfsprojekte in der „Zona da Mata“ bezahlt, zu groß waren die Erträge, die das Talent von Julio einbringen könnten.

Es war Mikeles Frau, die dem Treiben ein Ende bereiten wollte. Schließlich ginge es seit Wochen um nichts anderes mehr. Entweder der Junge, oder sie würde gehen. Überhaupt bräuchte so ein sensibles Kerlchen eine funktionierende Familie…

Mikele fand die Idee gar nicht schlecht. Einem Inserat im Gladbecker Stadtspiegel war es schließlich gedankt, dass Julio schon bald eine Familie gefunden hatte. Er hatte nun Geschwister und sein vier Jahre älterer Bruder war ebenfalls begeisterter Fußballer. Schon bald wurden die Vertreter der umliegenden Klubs auf Julio aufmerksam und boten Mikele viel Geld für die Verpflichtung des Jungen.

So wechselte er 2000 im zarten Alter von fast sieben zum SSV Buer. Doch schon bald stand der Bueraner Jugendtrainer Ansgar B. mit dem Jungen wieder vor Mikeles Tür. „Der Junge nix gut spielen“, sagte er, „Entweder du machen Junge spielen, oder du nix mehr Geld!“.

Mikele schnappte sich Julio, fuhr mit ihm zur nahe gelegenen McDonalds-Filiale und bot ihm an, sein kleines Herzchen auszuschütten. Er war begeistert, wie gut Julio inzwischen deutsch sprach, und nicht zuletzt deshalb war er wenig überrascht, als der Junge sagte: „Ich will nicht mehr Julio Trintaeum sein. Ich will sein wie mein Bruder. Ich möchte Julian genannt werden, und den Nachmnamen meines Bruders will ich auch.“

Sieben Tage lang ging Mikele von Behörde zu Behörde. Wer weiß, vielleicht hätte er irgendwann einen Weg gefunden, wenn es nicht wieder seine Frau gewesen wäre, die dem Treiben ein Ende gesetzt hätte. „Der Junge geht zurück! Nicht nur, dass er uns finanziell ruiniert hat, nein, er macht nur Ärger. Du kümmerst dich überhaupt nicht mehr um mich!“.

Erschöpft und traurig wählte Mikele die Nummer von Patata Ensalada, um eine Rückführung des Jungen in die Wege zu leiten. Doch der Sozialerbeiter dachte gar nicht daran! 20 Minuten später stand der Schwager von Patatas Cousin auf Mikeles Matte. „Assauer! Tach! Ich hörte, sie brauchen Hilfe!“

Es dauerte keine 6 Wochen, da hieß der Junge Julian, hatte eine deutschen Pass, lebte glücklich mit seiner Rentforter Familie und – noch besser – er spielte fortan für den geilsten Klub der Welt, den FC Schalke 04!

Mehr und mehr verlor Mikele den Kontakt zu Julio – entschuldigung – Julian. Und es ist genau diesem Umstand geschuldet, dass ich euch nicht genau erzählen kann, ob es eine Krankheit oder gar ein gewollter Eingriff war, der Julians Haut immer heller werden ließ.

Was ich euch aber berichten kann, ist, dass Julian heute fast erwachsen ist, und immer noch beim FC Schalke 04 spielt. Und zwar ziemlich erfolgreich bei den Profis. Mikele schaut sich das Spektakel aber nur noch auf seinen Kontoauszügen an. Er hat den Fußball an den Nagel gehängt. Ihr zu Liebe. Und in Parajuru leben die Leute heute wesentlich besser. Es hat sogar jeder dort Wasser jetzt. Und Patata sogar einen Fernseher. Dort schaut sich das Dorf die Spiele des FC Schalke 04 an. Und wartet insgeheim. Auf die Rückkehr des weißen Brasilianers.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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schalker71 sagt:

Sehr geehrter Herr Skandy! Herrlich, der weiße Brasilianer! Würdiger Text, allerdings möchte ich nicht in Ihren Hirnwindungen gefangen sein… ;-)

k11n sagt:

So war es und nicht anders! Jeder der das Gegenteil behauptet lügt!

schlupp sagt:

Das erklärt einiges!

Jutta95 sagt:

„Wo bleibt das Buch?!!!“

Olli sagt:

Grüße an Mikele ;)

Carlito69 sagt:

Schöne Geschichte! ;)

EuroFighter sagt:

Schöne Geschichte! Aber Onkel Tom, der jeden Pfennig seines schwer verdienten Bafögs, der irgendwie zu entbehren war, für Julios erstes Paar adidas-Fussballschuhe gespendet hat, bleibt mal wieder völlig aussen vor.

skAndy sagt:

Mikele hat gesagt, Julio wollte sie damals nicht tragen, weil sie nur zwei Streifen hatten.

EuroFighter sagt:

Ja und, dafür hatten sie keine Stollen!