13 Feb

Telepathie in Königsblau

In Gladbach kann man – zumindest diese Saison – mal verlieren. Allerdings nicht so. Und schon gar nicht, wenn ich sogar meine Geheimwaffe einsetze, um das Spiel noch zu drehen: Geschirrspülen.

Ihr lacht! Aber ihr wisst ja gar nicht, was ihr mir zu verdanken habt! Warum? Ich erzähl es euch.

Jeder Fußballfan hat seine ritualisierten Rituale Maneurismen, die immer dann zum Tragen kommen, wenn der Verein seines Herzens spielt. In der Regel umso stärker und konzentrierter, umso schlechter die aktuelle Partie verläuft. So entschied zum Beispiel mein Kumpel Klaus-Dracula (Name von der Redaktion geändert) das 2006er WM-Viertelfinal-Elfmeterschießen für die deutsche Mannschaft dadurch, dass er immer an einer ganz bestimmten Stelle in seiner Küche stand, wenn ein Argentinier zum Schuss anlief. Der Rest ist Geschichte.

Auch ich habe solche Rituale. Eines davon ist, dass ich – auch alleine in der Wohnung – immer den selben alten Schal trage, während das Spiel läuft. In der Regel tigere ich dabei im Zimmer auf und ab, vor allem wenn es die Nervosität nicht zulässt, dass ich dem Geschehen auf dem Spielfeld in Ruhe auf dem Bildschirm folgen kann. Bei manchen Spielen schalte ich sogar den Stream oder das Fernsehbild aus und mache – old school wie ich bin – nur den Videotext an. Dann starre ich so lange auf das Ergebnis, bis aus der grausamen Null auf unserer Seite endlich eine Eins wird. Danach läuft es normalerweise irgendwie von alleine weiter. Im Idealfall steht am Ende sogar eine Drei oder gar eine Vier auf der Habenseite. Was vor allem dann toll ist, wenn auf der Seite des Gegners eine kleinere Zahl steht. Seitdem Leute wie Raúl und Huntelaar auf Schalke spielen, ist das sogar wieder öfters der Fall.

Es gibt allerdings Spiele, da reicht mein starrender Blick nicht. Entweder ist der Gegner zu stark, oder die telekinetische Verbindung zur Mannschaft, die ich über die Dekaden zu etablieren versucht habe, wird von haarfeinen Rissen im Raum/Zeit-Kontinuum eingeschränkt. In diesem Fall muss ich zu drastischeren Maßnahmen greifen: Dem eingangs erwähnten Geschirrspülen.

Ich weiß nicht mehr genau wie ich es rausgefunden habe, ich erinnere mich allerdings noch sehr gut daran, wann es war. 2001, die Saison der Meister der Herzen. Damals hatte ich noch kein Internet in meiner Wohnung. Sky oder ähnliches hatte auch niemand, wahrscheinlich vor allem deshalb, weil es das damals noch gar nicht gab. So war ich im Regelfall auf das Radio angewiesen. Da es mich als Kind allerdings schon immer wahnsinnig machte aus dem im Hintergrund ertönenden “Tooooor in Schalke” (Ja, im Radio sagen sie tatsächlich in Schalke!) herauszuhören, ob es sich denn jetzt um ein Tor für die Heim- oder Gastmannschaft handelt, hatte der eintönige Anblick des schwarzen Videotext-Fensters immer einen sehr viel beruhigenderen Einfluss auf mich.

Als ich 2001 – immerhin die erste Saison an die ich mich erinnern kann, in der wir lange sehr weit oben standen – vor lauter Aufregung selbst das Niederstarren der eigenen Null auf dem Bildschirm nicht mehr aushielt, musste ich mich irgendwie ablenken. Wer schon mal in meiner Wohnung gewesen ist, weiß, dass es dazu eine Menge potentieller Baustellen geben würde. Da ich allerdings ein prinzipiell fauler Mensch bin, machte ich mich instinktiv an eine Arbeit, deren lohnenswerten Ertrag ich wenige Minuten später ernten würde können: Ich spülte ab. Ein paar Kaffeetassen, ein paar Teller mit eingetrocknetem Ketchup von letzter Woche, keine große Sache. Als ich dann, nach getaner Arbeit, vor den Videotextbildschirm zurückkehrte, waren wir entweder selbst in Führung gegangen oder hatten das Spiel zu unseren Gunsten gedreht. Ein narrensicheres System, das – zumindest 2001 – bei nahezu jedem Spiel funktionierte.

Warum wir damals trotzdem nicht Meister geworden sind, hat seine Gründe: Als wir am vorletzen Spieltag in letzter Minute das 0-1 durch Krassimir Balakow kassierten, während die Bayern den Führungstreffer gegen Lautern erzielten, spurtete ich geschockt in die Küche um mit einem Kraftakt in der Nachspielzeit noch einmal die Wende herbeizuführen! Ich wusste, ich würde mich selbst übertreffen müssen: Vielleicht ein mit Öl verschmiertes Backblech säubern oder zumindest den Topf in der Spüle von seinen angebrannten Tomatensoßenresten befreien. Als ich allerdings 2,34 Sekunden später in der Küche eintraf, erwartete mich das Grauen: Mein Mitbewohner hatte bereits abgewaschen! Alles stand blitzsauber gespült neben dem Waschbecken. Das Funkeln des vom Schmutz gereinigten Bestecks verhöhnte meine erzwungene Tatenlosigkeit. Eine Minute später war das Spiel aus. Wir hatten verloren, die Bayern gewonnen. Und ich wusste, es traf mich eine nicht zu verleugnende Mitschuld. Eine Bürde, die bis heute schwer auf meinen Schultern wiegt. Da half es auch nichts, das nächste Heimspiel gegen Haching zu gewinnen. Ich hatte im entscheidenden Moment Nerven gezeigt und den Verein so die erste Meisterschaft seit damals 43 Jahren gekostet.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, der Mannschaft zu vertrauen. Das Schicksal in ihre eigenen Hände gelegt. Wer eine überirdische Gabe erhalten hat, sollte diese nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Meistens bin ich auch gar nicht zuhause, gucke die Spiele im Stadion, in der Kölner Schalke-Kneipe “Pegel” oder bei Freunden auf dem Sofa. Es kommt allerdings doch vor – in der Regel bei sehr wichtigen Spielen – dass ich auch heute noch auf den Geschirrspül-Trick zurückgreife. Wenn ich merke, dass die Mannschaft meine Hilfe braucht, bin ich für sie da. Allerdings kann ich das Spiel nicht in jedem Fall alleine gewinnen. So wie am Wochenende in Gladbach. Ich konnte zwar verhindern, dass das Spiel zu einem Debakel wurde, zu mehr als zu einer ausgeglichenen zweiten Halbzeit hat es nur leider nicht gereicht.

Wahrscheinlich ist es Zeit, die Mannschaft komplett sich selbst zu überlassen. Denn auch wenn ich mich wahnsinnig über Spiele wie das am Samstag ärgern kann: Es war klar, dass auch solche Tage kommen würden. Huub und Horst haben es immer gesagt. Die Mannschaft ist jung und noch lange nicht da, wo sie in einiger Zeit sein kann. Bis dahin freue ich mich über jeden Punkt, jeden Sieg, jedes Tor und jeden gelungenen Spielzug. Was gegen Wolfsburg, Pilsen und Bayern allerdings ohne Abwaschen funktionieren muss.

Ach ja: Wären wir hier bei Facebook und das Web 0.4 scheiße, würde ich jetzt fragen: Und was ist euer persönliches Ritual bei Spielen? Ha!

David

David

Modebeauftragter a.D.
David

Letzte Artikel von David (Alle anzeigen)

skAndy sagt:

Schöne Geschichte! Danke. Aber eine „ausgeglichenen zweite Halbzeit“ habe ich beim besten Willen nicht gesehen. Wäre Gladbach ein höheres Risiko gegangen, hätten wir sicher 5:0 verloren!

David04 sagt:

Das ist das Problem, wenn man sich die Spiele nur per Videotext anguckt: Man kann schlecht spielerische Tendenzen erkennen ;)

schalker71 sagt:

Ich rasier mich ja immer vor dem Spiel (also im Gesicht – nur vor dem Mainz-Spiel hatte ich keinen Bock). Und dann geh ich immer den „langen“ Weg ins Stadion, aber egal. Vertrauen wir auf eine Trotzreaktion oder so…

derwahrebaresi sagt:

… ich „verschlafe“ cl-spiele mit schalker beteiligung.

das klappt meistens, es sei denn, der gegner heißt manu.

David04 sagt:

schalker71: Trotzreaktion, ja. Oder: DU RASIERST DICH GEFÄLLIGST WIEDER!

derwahrebaresi: Wow! Um was für Zeiten gehst du denn ins Bett?! ;)

derwahrebaresi sagt:

was bleibt mir übrig, ist halt ein ritual. ;-)

skAndy sagt:

@derwahrebaresi Aber EL geht?

Von meiner Spieltagsunterhose erzählte ich, oder? Die scheint aber Auswärts nicht so gut zu funktionieren. Und in der zweiten Halbzeit im Mainz-Hinspiel trug ich auch gerade Badehose. Vielleicht sollte ich…

derwahrebaresi sagt:

EL geht.
die ist ja auch uninteressant.

David04 sagt:

baresi: Klar, steckste nich‘ drin!

skAndy: Ja, stimmt, ich erinnere mich! Aber dann weißte ja Bescheid: Auswärts, 2te Halbzeit – Badehose!

AngryAtze sagt:

…auch ich hab’das Videotext-Ding schon durchGEzogen, dabei die Ziffer für Schalke mit Papierschnipseln abGEklebt, nebenbei das volle Programm mit Glücksschlüpfern, -socken und -kopfsocken ausprobiert, Elephant-Beer bis zum Herzkasper Getrunken und ich bin auch schon bei Rückständen in die Badewanne GEflüchtet (hat abba nur einma‘ GEfunzt)…am Besten hilft jedoch die Unmöglichkeit, das Spiel live mit zu bekommen, weil ich der Family den Vorzug GEbe…wie es auch am kommenden Sonntach der Fall sein wird, weil ich unseren Kids zuliebe einen Faschingsumzug abfeiern muß (und das als Karnevals-Muffel vor dem Herrn)…heißt also, es sieht ganz gut für Wolfsburg aus!…;-)

Kathrin sagt:

In der Saison 2007/2008 hatte ich meine „Wurst-Glückskette“: in das Amulett wurden jeweils die Bilder von den zwei subjektiv gesehen schlechtesten Spielern gepackt, in der Hoffnung, dass sie daraufhin dann besser spielen würden. Wenn ich mich recht erinnere, war Bogenlampen-Krstajic die komplette Saison vertreten, und meistens war Kevin Kuranyi sein Bildnachbar (trotz 15 Buden kam der mir ziemlich oft ziemlich schlecht vor). Was hat’s gebracht? Ein Patenkind, das noch immer glaubt, dass Kevin Kuranyi mein Küss-Freund ist.

David04 sagt:

Gegen Wolfsburg ist der Rudi im Stadion, da sollten wir unsere kompletten PSI-Kräfte bündeln, um dem nen guten Arena-Besuch zu gewährleisten.

David04 sagt:

@Kathrin: Definiere „Küss-Freund“!

skAndy sagt:

Küssfreund ist groß! Apropos: Ich suche noch eine Küssfreundin: Ernstgemeinte Bildzuschriften bitte an kuessfreundingesucht@web04.de!

Kathrin sagt:

„Küss-Freund“ war die Wortschöpfung von Patenkind Max (mittlerweile 5 1/2). Er dachte wohl, dass in so eine Kette die Leute reingehören, die man gerne küsst (Oma hat eine Kette mit ihm drin). Ich habe schon immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich dann ohne Kevin Kuranyi auftauche und regelmäßig erklären muss, dass der auch nicht mehr auf Schalke ist. Dass ich meinen echten „Küss-Freund“ zu Geburtstagen und sonstigen Spiele-Nachmittagen mitbringe, ist ein weiterer wahrer Affront!
Steigerung von „Küss-FreundIn“ dürfte KnuFu-FreundIn sein. SkAndy, wenn also nicht nur geknutscht, sondern auch gefummelt werden soll, müsstest Du die Mailadresse eventuell noch ändern.

skAndy sagt:

Nee. Fummeln ist für Hippies!

David04 sagt:

Ach, DAS ist ein Küss-Freund?! Bei Kuranyi war ich mir jetzt nicht sicher. Ich kenne da nämlich eine weitaus sexuellere Küss-Freund-Geschichte. Diese soll sich wenige Monate nach der Geburt seines Sohnes zugetragen haben. In Düsseldorf. Beteiligt war eine Freundin meiner Ex-Freundin. Naja, behauptet sie zumindest.

„Fummeln“ ist derbst 80s! Mad-Magazine-Style!

Kathrin sagt:

Nee, Küssen und sexuelle Sachen mit Kevin Kuranyi überlasse ich ggf. Freundinnen Deiner Ex-Freundin. Und bevor das jetzt vermutet wird: ich habe auch nicht wild mit Krstajic gefummelt. Ha, hatte vergessen, wie großartig bescheuert dieses Wort klingt!

meinzu sagt:

Ihr seit doch alle Verrückt, aber deshalb lese ich hier so gerne. Rituale, Telepathie, „ritualisierten Manierismen“, andere Zwänge, Tics. Was wir brauchen sind „EIER“! So jetzt ist es raus.

David04 sagt:

Eier können Spuren von Nüssen enthalten.

Hütte04 sagt:

Also ich hab nur ein Ritual bei Rückständen. Immer wenn wir zurück liegen, gehe ich bei mir auf den Balkon und schwenk die ganze Halbzeit lang meine GE-Fahne. Hat gegen Köln, gegen Mainz im Hinspiel gefunzt. Und das Rückspiel gegen Mainz kam ja wenigstens ein 1:1raus.
Bisher find ich das nicht schlecht!

skAndy sagt:

Ich habe vor allem bei Heimspielen eine Menge Rituale. Ich singe mit meinen 1000 Freunden Steiger- und Vereinslied und schreie bei der Aufstellung laut die Nachnamen der Spieler mit. Und meistens trinke ich Bier. Das hat erst bei zweieinhalb Heimspielen diese Saison nicht funktioniert!

Verrückt, oder?

David04 sagt:

Crazy.

bvbRotti sagt:

HÖCHSTLEISTUNG, Jungs (und Mädel) – Zwerchfell-Teasing der ganz feinen Art!!!

@David04:
(EierNüsse): Definitiv nicht bei Schwalben-Andi :-)
Und was die Radio-Übertragungen angeht, gibt es zwei Ausnahmen:
Fr. Knief und die (das) Bayer-Bi(e)nchen … ich meine, die quieken immer ein kleines bisschen lauter und höher, wenn Frankfurt bzw. Leverkusen treffen :-)

Sei’s drum – wenn man die Reportagen „durchsteht“ ist das Herz in Ordnung; auch eine schöne Erkenntnis.

Genau wie die, dass „Fummeln für Hippies“ sei. Alter Schwede…
HÖCHSTFORM diesmal, absolut prima.

LGs, der Ralle

Carlito69 sagt:

Leute, Ihr seid einfach die besten hier! Habe mich mal wieder köstlich amüsiert.

David04 sagt:

Hey Ralle,

immer schön, Rückmeldung in schwarz-gelb zu bekommen! Hätte ja durchaus sein können, dass ihr komplett anders damit umgeht – z.B. euer Geschirr benutzt, anstatt es zu spülen oder so! ;)
Aber immer wieder positiv zu hören, dass wir doch alle gar nicht so verschieden sind. Auch wenn du sensiblere Radio-Ohren als ich zu haben scheinst!!

Grüße uss Kölle,
D.

David04 sagt:

Carlito69: Ich liebe die Gespräche in den Comments :D

Carlito69 sagt:

@David04: da kann ich Dir nur beipflichten! Manchmal, wenn auch nicht bei diesem Beitrag, sind die glatt noch besser als der eigentliche Beitrag… ;-)

David04 sagt:

Vor allem wenn der Artikel von skAndy ist!!

skandy sagt:

Du meinst sicher, wenn die Kommentare von mir sind. Ich hau am besten jetzt auch nur noch alle 2 Monate einen raus…

Melodie1904 sagt:

das wäre allerdings sehr schade!!!

skandy sagt:

Ganz genau. Schuld wäre dann David, dem ihr dann alle einen bösen brief schreiben müsst.

AngryAtze sagt:

…kann mir nich‘ helfen, hab‘ seit GEstern imma diesen Song inne Rübe (Dank an meinzu & David);-) http://www.youtube.com/watch?v=JGAOqpBNxC8

David04 sagt:

Und ich dachte, wir müssten jetzt alle nur noch Whitney Houston hören! Da bin ich ja beruhigt.