Alles außer Fußball: Mensch ist der Bastard

…und damit meine ich nicht gleichnamige Band, an die ich mich eh kaum erinnern kann. Nein, ich meine eher the real thing. Leute. Da draussen.

Was folgt, ist der Repost eines Texts, den ich mal für meinen alten Blog „The Boy who blogged his own Shot“ geschrieben hatte. Leider zu einer Zeit, als wir damit nur ungefähr 3 Leser hatten. Beim Stöbern durch alte Texte fiel mir dieser eher zufällig wieder in die Hände. Und ich war der Meinung, dass er perfekt in die Web 0.4 „Alles außer Fußball“-Themenwoche passt. Wäre auch zu schade, dieses Erlebnis nicht nochmal zu teilen. Also: Viel Spaß im Kölner Ghetto.

Gestern erlag ich nach wochenlangem Kampf endlich dem Bitten meiner Freundin, mit ihr zusammen mehr Sport zu machen. Da ich allerdings kein physisch fitter Straight Edge Warrior (mehr) bin, musste ich meinen Körper erst mal langsam an diese potentielle Bedrohung heranführen. Die Entscheidung fiel auf das auch in verkatertem Zustand noch irgendwie durchführbare Schwimmen. Ist ja auch ganz nett und alles. Das Problem war allerdings, dass das von uns sorgsam ausgesuchte Schwimmbad in der gut zu Fuß erreichbaren Kölner Innenstadt geschlossen hatte. Eine Alternative musste her.

Mein Vorschlag, den neuen Veggie Burger bei einem hier nicht weiter erwähnenswerten Fastfood Restaurant zu probieren und danach bei DVD und Kerzenschein den restlichen Whisky in meiner Küche auszutrinken, wurde allerdings basisdemokratisch niedergeschmettert. „Wir“ entschieden uns mit der Bahn in einen der wunderschön idyllischen Kölner Außenbezirke zu fahren und da unserem neuen gemeinsamen Hobby nachzugehen.

Nach stundenlanger Bahnfahrt im Schwimmbad dann die Realisierung dessen, dass dort alle Menschen nur mit Badehosen/anzügen bekleidet sind! Bei 99% der anwesenden Rentner und Vollasis kein schöner Anblick. Es musste also auf den guten alten Tunnelblick zurückgegriffen werden, sollte der eigene Körper in einigermaßen psychisch unbelasteter Weise in eine unschlagbare Maschine des Todes im Krieg der Geschlechter verwandelt werden können.

So weit, so gut. Nach einer halben Stunde lag ich erschöpft röchelnd am Beckenrand, während meine Freundin noch immer unermüdlich ihre Runden drehte, verfolgt von ca. 35 Rentern mit verdunkelten Schwimmbrillen, die keine Gelegenheit ausließen, den einen oder anderen Blick unter Wasser zu erhaschen.

Als wir dann allerdings nach der ganzen Aktion vollkommen erschöpft an der Bahnstation in Ossendorf standen und auf unsere natürlich bereits fast 10 Minuten verspätete Fahrgelegenheit zurück in die Zivilisation warteten, kamen sie: Die im Titel erwähnten Menschen.

Zuerst in Form eines Mannes in den besten Jahren, der sich trotz noch vollkommen leerer Haltestelle DIREKT neben uns positionierte, so nah, dass sein Arm konstant meinen berührte, obwohl ich mich natürlich instinktiv in die andere Richtung gedreht hatte. Dieser Mann stieß dann, ständig auf sein offensichtlich nicht mal angeschaltetes/funktionsfähiges Handy starrend, in unregelmäßigen Abständen unkontrollierte, nicht näher definierbare Laute aus, irgendwo zwischen Urmensch und Cannibal Corpse.

“UWAAARGH!”

Und wieder den Arm an meinem Rücken reiben.

Irgendwann wurde es dann ob der weiteren Verspätung der Bahn immer voller an der Haltestelle. Die üblichen Verdächtigen halt, dank denen Ed Hardy inzwischen Multitrilliardär sein dürfte. Am auffälligsten waren allerdings 2, trotz der fast unmenschlichen Kälte, extremst aufgetackelte Asi-Bratzen in hautengen Jeans, in deren Falten sich jedes der geschätzen 20 Kilo Übergewicht in das Michelin-Männchen Stolz machender Faltenhaftigkeit abzeichnete, und deren unter gut 10 Zentimeter Makeup versteckten Gesichter man höchstens erahnen konnte. Eine von den Beiden war in ihr Telefongespräch vertieft. Und zwar in einer Lautstärke, die noch in Düsseldoof zu hören gewesen sein musste.

“Ey, isch bins. Was machste? Aha.. aha… Ey, isch hab gehört du hast ne neue Ische?”

Der Typ neben mir: “UWAAAAAHRRRRRR”

Sie, weiter ins Telefon: “Ey, empfindeste denn gar nischts mehr für misch? Was? (Pause) Ey, wer ist die Schlampe? ISCH BRING DIE UM! HÖRST DU?? ISCH MACH DIE FERTISCH! ISCH HAU DER FOTZE DIE FRESSE EIN!!!!!”

Alle drehen sich um. Asirella ist das egal.

“EY, JETZT SAG MIR WER DIE IST, DU HURENSOHN! Isch find das doch eh raus… UND DANN BRING ISCH DIE FOTZE UM!! HÖRST DU, ISCH… Hallo? HALLO??”

Zu ihrer Freundin mit leidender Stimme: “Der hat aufgelegt. Dabei lieb isch den doch so. Ey, isch will den zurückhaben…”

Freundin: “Dann ruf doch nochma an”

Sie ruft wieder an: “Ey Cornichon (So ungefähr hat sich sein Name angehört)? Isch bins wieder. Wenn du auflegst ruf isch immer wieder an! (Pause) Sag mal, wer ist die? (Pause) NEE, SAG JETZT MAL!!!!! (Pause) Empfindest du denn gar nischts mehr für misch? (Pause) IST DIE HURE BEI DIR?? ISCH HAB DIE DOCH GRAD GEHÖRT!!!! ISCH BRING DIE UM!!!!!!! CORNICHON, ISCH BRING DIE ALTE UM!!!!! ISCH STALK SO LANGE DEIN FACEBOOK UND STUDIVZ BIS ISCH DIE GEFUNDEN HAB!!! UND DEINE PASSWÖRTER FIND ISCH AUCH NOCH ALLE RAUS!!! DANN FAHR ISCH ZU DIR UND DER FOTZE UND SCHLAG ERST DIE ZUSAMMEN UND DANN DISCH! HASTE MISCH VERSTANDEN DU VERFICKTER HURENSOHN? ISCH FICK ERST DEINE MUTTER UND DANN BRING ISCH DISCH UM UND DANN DEINE ALTE FOTZE DU HURENSOHN… Hallo? HALLO?!?!?!”

Zu ihrer Freundin: “Aufgelegt… Hat der Scheiss Hurensohn aufgelegt. Dabei hab isch den doch so lieb, ey. Wieso kapiert der dat denn nisch?”

Freundin (gelangweilt): “Weiss isch auch nisch”.

In dem Moment dreht sich der Mann neben mir um. Meine Freundin deutet an mir vorbei neben mich. Ich drehe mich zu ihm und gucke ihn an. Er hält eine Zigarette in die Luft und sagt: “AAAAAHHHHRRRRRRRRRRR!!!!!!!”.

Ich antworte, dass ich kein Feuer habe. Er starrt mich verständnislos an, geht dann rüber zu den Asimädchen und macht: “RRRrrrraaahhhrrRRR?”.

Die eine antwortet ihm gelangweilt: “Verpiss disch du Wixer”, während ihre Freundin schon wieder irgendwo anfruft: “Ey Hallo? Ist der Cornichon bei dir? Nein? Isch frag nur, weil der bei einer seiner Schlampen ist und isch wissen wollte, ob du das bist. (Pause) Nee, isch hab alle Nummern von seinem Handy die isch nisch kannte aufgeschrieben, und die ruf isch jetzt an. (Pause) Ja, danke. Tschö.”

In dem Moment kommt die Bahn. Wir – das Publikum – sind gleichermaßen erleichtert wie enttäuscht. Meine Freundin flüßtert mir ins Ohr, wir sollten uns in die Nähe der beiden Mädchen setzen. Manchmal hat sie verdammt gute Ideen.

Das Mädchen ist noch immer am Telefon. Scheinbar hat sie beim Einsteigen wieder Cornichon angerufen: “…WEIL DU EIN BASTARD BIST, DARUM! FICKST WIEDER DEINE 15JÄHRIGEN NUTTEN! ISCH WEISS VON DENEN ALLEN! ISCH HAB DEREN NUMMERN VON DEINEM HANDY GEZOGEN! UND ISCH RUF DIE ALLE AN UND ERZÄHL DENEN WAS DU FÜR EIN HURENSOHN BIST! ISCH HOFFE DU KRIEGST AIDS!!! (Pause) DANN FAHR ISCH ZU DENEN UND SCHLAG DENEN IN DIE FRESSE! DU WEIßT DAS ISCH DAS KANN! BEI MIR ZUHAUSE HAM ALLE ANGST VOR MIR! ISCH MACH EUSCH ALLE FERTISCH, DISCH UND DEINE SCHEISS NUTTEN!!!!!!!!!!!”

Sie starrt aufs Telefon. Cornichon hat scheinbar wieder aufgelegt. In der Zwischenzeit hat ihre Freundin auch irgendwo angerufen. Die Bahn ist inzwischen schon nah an der Innenstadt und voll von relativ normal scheinenden Leuten. Im Hintergrund tönt es noch ab und zu noch “UWAAAAAHR!” aus bekannter Quelle, der Herr ist wohl miteingestiegen, ansonsten sind ungefähr 30 Augen- und Ohrenpaare auf unsere neuen Freundinnen gerichtet. Und wie. Denn inzwischen schreien beide um die Wette!

Freundin B hat offensichtlich nicht vor, hinter Freundin A, die ihr ja schon seit unserer Begegnung die Show stiehlt, zurückzustehen. Also ruft sie, scheinbar vollkommen unmotiviert, IRGENDJEMANDEN aus ihrem Freundeskreis an, um ihn/sie zur Sau zu machen. Aber wie! Und in was für einer Lautstärke! Da will natürlich auf Freundin A nicht klein beigeben und ruft ein weiteres Mal Cornichon an, um ihn wissen zu lassen, was sie mit ihm, seiner neuen Freundin und gesamten Sippe veranstalten wird. Das Geschrei der beiden vermischt sich zu einer unfassbaren Kakophonie aus “Hurensohn”, “Fotze” und “Ich schlag dich tot”.

Irgendwann fängt jemand von den normalen Fahrgästen an zu lachen. Ich muss mitlachen, eigentlich war es ja eh schon längst überfällig. Immer mehr Leute fallen in das inzwischen vielstimmige Gelächter ein, immer weiter, bis es irgendwann lauter ist, als das Geschrei der beiden Mädchen. Fast gleichzeitig bemerken diese das, gucken sich gegenseitig an und sind auf einmal vollkommen still. Wie nach einem guten Witz gibt es Szenenapplaus und Gejohle aus Teilen der Bahn. Die Beiden wissen offensichtlich nicht, wie ihnen geschieht.

Dann sind wir am Friesenplatz und müssen umsteigen. Und sind verdammt froh darüber, dieses obskure Schauspiel noch bis zum vermeintlichen Ende mit angesehen haben zu dürfen. Sogar die besoffenen, verkleideten Karnevalsspastis in der nächsten Bahn kommen mir auf einmal gar nicht mehr so schlimm vor. Und ich brauche in Zukunft wahrscheinlich kein JERSEY SHORE mehr, um mich über Asis zu amüsieren. Einfach mal mit der Bahn stadtauswärts fahren.

David

David

Modebeauftragter a.D.
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