Geister, die ich rief

Gewalt ist nie was Gutes, klar. Brauchen wir im pixelgewordenen Hort des Pazifismus, wie das Web 0.4 in Hooligan-Kreisen bestimmt genannt wird, nicht extra zu erwähnen. Und so sollen an dieser Stelle auch nicht die Feuerzeug- und Bowling- Billardkugel-Würfe auf Doktor Markus Merk verteidigt werden. Trotzdem ist die Geschichte damit für mich nicht erledigt.

Erstmal möchte ich etwas zur emotionalen Seite der Geschichte erzählen. Ich weiß, niemand kann und will mehr Storys über den 19.05. 2001 und die 4-Minuten-Meisterschaft hören. Ich eigentlich auch nicht. Aber ohne sich noch mal an das damals erlittene Trauma zu erinnern, kann man die Aktionen einiger Fans gegen Ex-FIFA-Schiedsrichter Markus Merk einfach nicht verstehen.

Ich war damals nicht im Stadion. 2001 war ich nämlich noch – wie mein ganzes Leben eigentlich – der einzige Schalke-Fan in meinem Freundeskreis. Als jemand, dessen Wahlheimat Köln ist, wahrscheinlich gar nicht so ungewöhnlich. Immerhin hatte ich damals noch kein Internet, und auch das Web 0.4 hat es höchstens in den feuchten Träumen von Andreas L. gegeben. Also fand ich mich an besagtem Tag mit meinem damaligen besten Freund – seines Zeichens ironischerweise Bayern-Fan – im Underground zu Köln wieder, ein zu der Zeit noch relativ guter Punkrock-Schuppen. Kaum verwunderlich also, dass, außer meinem Kumpel, aber auch wirklich jeder dem S04 die Daumen drückte. So nah an Schalker Stadionatmosphäre war ich seit meinen Parkstadion-Besuchen in den 80ern mit meinem Gelsenkirchener Onkel Friedhelm nicht mehr gewesen. Der ganze Raum zitterte, schrie, fühlte mit, so, dass es mir vorkam, als stünde ich direkt in der Kurve. Ein für mich damals unvergessliches Erlebnis.

Auch als wir in der ersten Hälfte mit 2-0 zurücklagen, gab niemand die Hoffung auf. Und das, obwohl die meisten Gäste wahrscheinlich Fans anderer Vereine gewesen sein dürften. Zu gut, zu sympathisch war die Schalker Mannschaft in diesem Jahr einfach gewesen. So war der Jubel dementsprechend ekstatisch, als Asamoah und Co. das Spiel drehten und alles gespannt auf Hamburg schaute. Ich war damals schon lang genug Fußballfan um zu wissen, dass die Bayern so ein Spiel eigentlich nicht verlieren. Als umso unglaubwürdiger empfand ich die Szene, als Barbarez’ Ball sich hinter Oliver Kahn ins Netz senkte. Um mich herum explodierte das Underground, und ich war Teil davon. Bier-Tsunamis flogen durch den Raum, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, das Establishment schien geschlagen. Ein unfassbarer Sieg, nicht nur für mich, scheinbar nicht nur für Schalke.

Dann kam Patrik Andersson und auf einmal war alles kaputt.

Matthias Schober hatte einen vermeintlichen Rückpass aufgenommen, der – auch rückblickend betrachtet – eigentlich keiner war. Schiedsrichter Markus Merk pfiff, Andersson lief an, traf den Ball gut, die Mauer sprang hoch, der Ball flog an ihr vorbei in die Maschen. Und etwas zerbrach in tausenden Menschen in ganz Deutschland. Im Underground hätte man eine Stecknadel fallen hören. Durchbrochen wurde die Grabesstille nur durch die „JAAAA! JAAAAAA!“-Rufe meines besten Freundes. Wie ein Dolch direkt in mein Herz. Ich weiß noch, wie ich daraufhin vor die Tür taumelte. Die etlichen vorher getrunkenen Biere entwickelten – ihrer vorherigen Euphorie beraubt – in wenigen Sekunden eine verheerende Wirkung. Leicht schwankend verließ ich das Underground ohne mich noch einmal umzudrehen. Ich konnte einfach nicht realisieren, was gerade passiert war. Diese Wahnsinns-Saison, diese fantastische Mannschaft, all die Samstage mit den unfassbar spannenden Spielen. Alles umsonst. Alles weg. Ich lehnte mich an den Zaun gegenüber des Clubs und musste mich übergeben. Vollkommen leer, emotional und körperlich. Ich nahm meinen Walkman aus der Tasche, starrte kurz in die Leere und schleuderte ihn an die nächste Wand. Er zerprang in 1000 Teile, so wie vorher all die Hoffnungen und Träume von hunderttausenden Menschen. Klingt furchtbar pathetisch, ich weiß. Aber damals kam mir das irgendwie passend vor.

Zuhause legte ich mich ins Bett und ließ tagelang die Fernsehbilder an mir vorbeiziehen. Aber auch noch Jahre später ist das Trauma nicht überwunden. Das merke ich vor allem an meinen Tag- und Nacht-Träumen über dieses Spiel von 2001. Ich wache immer bei Barbarez’ Tor auf, hoch euphorisiert. Dann brauche ich einige Sekunden um zu realisieren, dass es damals noch weiterging. Das Tor von Andersson nach dem Pfiff von Merk. Unfassbar.

Inzwischen bin ich mehr oder weniger darüber weg. Wenn ich von Schalke träume, dann von anderen Ereignissen, die es in der Zwischenzeit gegeben hat. Aber so ein Trauma verarbeitet eben jeder auf seine eigene Art und Weise. Ich war nicht im Stadion dabei, ich wusste zu jedem Zeitpunkt, dass das Spiel in Hamburg noch nicht vorbei war. Anders war es bei 70.000 Menschen in Gelsenkirchen. So erzählte mir mein Kumpel D. – damals live vor Ort – noch vor wenigen Wochen, wie er bei der Lektüre der Ereignisse von 2001 im 11Freunde Nuller-Jahre-Sonderheft im ICE geweint hatte. Als gestandener Mann voller Tätowierungen und mit den Erfahrungen eines halben Lebens. Der Stachel sitz eben nach wie vor tief, bei den meisten von uns. Ob wir das wahrnehmen, oder nicht.

Ich weiß, dass Markus Merk nicht schuld am Verlust der Meisterschaft ist. Ebenso hätte Schober den Ball ins Hafenbecken ballern, oder Schalke einfach die letzten beiden Spiele vorher nicht verlieren können. Aber an seinem mehr als zweifelhaften Pfiff machte man in seiner Hilflosigkeit eben die Last der ganzen Ungerechtigkeit der Welt auf unseren Schultern fest. Hätte er nicht Pro-Bayern gepfiffen, wäre das Spiel höchstwahrscheinlich wenige Sekunden später zu Ende und Schalke hochverdienter Deutscher Meister gewesen. Aber er hat gepfiffen, wohl wissend, was dies für Konsequenzen haben würde. Typisch Bayern eben. Der Rest ist Geschichte.

Damit möchte ich natürlich nicht die Feuerzeug-Würfe gegen Merk in der Arena rechtfertigen. Wäre ich im Stadion gewesen, ich hätte keins geworfen. Aus Prinzip nicht. Weil man Menschen eben keinen körperlichen Schaden zufügt. Punkt. Aber ich habe Verständnis für die Beweggründe der Werfer. Manchmal ist der Schmerz halt so groß, dass er für irrationale Handlungen sorgt. Damit konnte man, nein, damit musste man rechnen. Was mich zur Frage der Schuld bringt.

Klar ist es jetzt wieder einfach für Medien aller Art auf Schalke und uns – seine Fans – einzuprügeln. Ich denke, dass Journalisten und Anhänger anderer Vereine unser Trauma nicht wirklich verstehen können. Aber das ist nur die eine Sache. Was ich viel unglaublicher finde, ist die unendliche Provokation von Sky, Markus Merk – der seit 2001 die Arena offiziell nicht betreten hat – als Experten zum Spiel gegen Kaiserslautern einzuladen. Ob vor der Nord- oder Südkurve spielt in dem Zusammenhang gar keine Rolle. Fakt ist, dass jeder noch so weltfremde Idiot sich hätte denken können, was passieren würde. Und was dann auch tatsächlich passiert ist. Aber darüber spricht natürlich keiner. Niemand kritisiert Sky in den Medien für diese unfassbar dumme Aktion, niemand redet von einer Mitschuld des Senders. Hauptsache es gibt wieder was zu berichten. Der nächste “Skandal” aus Gelsenkirchen. Geplant, angeheizt, in Kauf genommen, medial gesteuert. Und das kotzt mich so richtig an.

 


Ich gebe nicht nur SKY die Schuld. Auch wie die Printmedien, z.B. (aber nicht alleine) Herr Buschmann, die Anwesenheit des Herren Merk publik gemacht und die Fans geradezu angestachelt haben, ist erbärmlich. Im Moment macht sich manch einer einen großen Spaß daraus, am Pulverfass Nordkurve zu zündeln… Immer auf die gute Story aus…

David04

Qualitätsjounalismus made in Germany. Manche Leute sind sich halt echt für nichts zu schade. Könnt ich kotzen.

Natürlich ist das von Sky eine reine Provokation. Die wussten genau wie das abläuft. Aber das will man ja. Schalke soll so dargestellt werden. Deshalb zeigt Sky auch immer dieselbe Oma mit dem vollbärtigen Rocker auf der Gegengrade. Das der Merk sich überhaupt zu uns Traut! Der Feigling. Dazu hat Schalkefan_de einen super Artikel geschrieben. Von sich aus keine Spiele mehr von Schalke zu Leiten etc.
Sky reizt einfach die Gefühle der Fans und der Rest der Liga lacht sich schlapp. Bravo Sky.

Und was da nicht alles geworfen wurde.
Fehlt nur noch eine Gehängte Schiri Puppe an der Kurt-Schumacher-Str.

derwahrebaresi

dann hier auch noch einmal die frage:

konnte der S04 hierauf keinen einfluss nehmen und die “experten-runde” bspw. an anderer stelle plazieren ?

David04

Das ist ne echt gute Frage. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es generelle Verträge gibt, bei denen sowas im Vorfeld geregelt ist und dann nicht im Nachhinein alternierend eingegriffen werden kann, sollte Sky das nicht wollen. Aber das könnte uns im Endeffekt wohl nur jemand vom Verein oder Sky selber beantworten, der die Verträge kennt.

derwahrebaresi

vertrag hin oder her.
wie du schon geschrieben hast, damit musste man rechnen.

was steht auf fahrlässiges handeln ? ….

Das ist wirklich eine gute Frage. Ich glaube aber Schalke gar kein Intetesse daran gehabt.
Soll der Merk doch kommen und sich mit Bier beschmeißen lassen…

Übrigens hat meine Frau bei mir am Samstag während des Spiels eine Krankheit diagnostiziert:
Ich habe anscheinend Fußball Tourette…

Macht aber nix. Könnte unter gleichgesinnten allerdings ansteckend wirken ;)

David04

Fußballtourette sollte eine anerkannte Krankheit werden, dann brauch ich mich auch nicht mehr in Anwesenheit von Kindern oder Damen zurückzuhalten!

Ja dann könnte man sich an Spieltagen auch n Schein holen xD

Aber mal zum Thema:

Im allgemeinen wäre es am Besten wenn ehemalige Profis nach der Karriere Schiedsrichter würden. Von mir aus auch verpflichtend für 5-10 Jahre.
Die wüssten wenigstens wie es geht und was die mit leichtfertigen Entscheidungen anrichten…
Und das Fitnesssystem bei Schiris sollte auch geändert werden. Da ist ein so’n Linienrichter… keine ahnung wie der heisst… Der überschreitet jeden gesunden BMI. Wie soll der denn bitte sehen ob ein Farfan im Abseits steht wenn der anzieht??
Natürlich hab ich nix gegen korpulente Menschen- aber als Schiedsrichter halte ich das schon für fragwürdig.

skAndy

Wir Dicke haben bessere Augen :D

David04

Hühneraugen.

skAndy ich hab dich wissentlich noch nie gesehen…
Daher kann ich deine Augen nicht beurteilen :D

Ich glaube ich habe noch Tourette nachwehen …

David04

Ok die Augen sehn von hier ganz gut aus.
Jetzt bin ich aber leicht verängstigt

Maxi

Natürlich ist das eine gesteuerte Provokation von sky. Traurig ist es nur, dass die Fans auf sone billige Falle auch noch hereinfallen. Et is allzwendse nem Köter n Stöckchen auffe Autobahn wirfst! Wie schön wäre es gewesen, wenn die Nordkurve geschlossen das Arschloch gefeiert hätte…Der wäre sich verarscht vorgekommen und Ihr hättet die Presse Eures Lebens gehabt! Aber dafür ist der Mob nicht selbstreflektiert genug. Und das meine ich natürlich nicht explizit auf den S04 gemünzt! Ich glaub bei uns in Köln wär wirklich ne Bowlingkugel geflogen!
Ich schätze mal der nächste sky-Experte bei einem Schalke-Heimspiel ist Susi Zorc an einem Interviewtresen IN der Nordkurve!
Glück auf un Meck Meck!

David04

Bei der Manuel Neuer Sache finde ich im Nachhinein, man hätte nicht buhen sondern einfach nur übelst Ralf Fährmann abfeiern sollen. Dass man aber Merk hat spüren lassen, dass bei uns unerwünscht ist, finde ich vollkommen OK. Bloss hätte es halt bei der verbalen Schelle bleiben sollen.
In Köln wäre übrigens keine Bowlingkugel, sondern eine Badewanne voller Fäkalien geflogen. DAS hätte Presse gegeben!

skandy

@maxi haha, Nobby Dickel kommentiert demnächst für sky unsere Spiele

skandy

@basti Das bin nicht ich. Das ist Davids Mutter.

David04

Stimmt! Ich verwechsel euch immer, wegen dem Busen!

Benni Höwedes hat gerade auf facebook übrigens den Support gelobt. Bin mir sicher, damit hat er die Merk-Würfe gemeint, der alte Hooligan!

[...] solche Entgleisungen nicht. Sie zu erklären kann man zumindest versuchen. Ziemlich gut macht das David im WEB0.4. Da braucht man dann auch keine vielen Worte mehr zu verlieren. Wir haben uns damals alle miserabel [...]

Christoph

Ein Treppenwitz der Fußballgeschichte, dass im Mai 2001 die Meldung über das das vermeintliche Spielende in Hamburg nach meiner Erinnerung von Premiere dem sky Vorgängersender lanciert wurde.

David04

Sky ist auf jeden Fall der Hass. Aber um nochmal zu Merks “Schuld” an unserer Nicht-Meisterschaft zu kommen, ist das hier ein nicht ganz uninteressantes Zeitdokument, das die meisten von uns wohl vergessen haben. Ich hatte es zumindest.

derwahrebaresi

diese entscheidung wurde nicht von merk getroffen !
er hat nur auf anweisung des linienrichters reagiert.

EuroFighter

Oh, da bin ich wohl zu früh gekommen.
Als S6 Reihe 3-Sitzer hab ich meinen Senf zu dem Thema ja schon im Skandy-Artikel über das Spiel vergossen.

David04

Hab ich grad erst gesehen und für sehr gut befunden! Deshalb hier auch nochmal. Eurofighter schrieb:

“Mein Spiel war insgesamt ein Besonderes!
Ich sitze S6 Reihe drei und muss daher mal die Sky-”Experten”-Runde mit Merk kommentieren.
Eines vorweg, wer mit harten Gegenständen wie einem Schlüsselanhänger in Billiardkugelform wirft, gehört sicherlich bestraft.
Aber wer die Berichterstattung im Vorfeld über Merk auf Schalke verfolgt hat, und dann gesehen hat, wie nah Merk an der Südkurve saß, mit Ordnern, die zwar schon Schirme in der Hand hatten, diese aber nicht aufschlugen. Wer dann noch gesehen hat, welche Massen in der Halbzeit in den Block 6 gestürmt sind, der darf sich letzendlich nicht wundern.
Das war wieder ein 1A inszenierter Klamauk von Sky um die “schlimmen” Schalke-Fans zeigen zu können. Erst nach dem Spiel wurde S5 + S6 von Ordnern gesperrt (aber auch nur um dann über S1-S4 rein kommen zu können!).
Hier gehört den Sicherheitsverantwortlichen von Sky und Schalke eine Rüge vor den Latz geknallt und nicht den Bierwerfern, die allesamt darauf bedacht waren, den INHALT des Bechers zu seinem Ziel zu bringen (also nicht falsch verstehen, ich heisse das nicht gut, kann aber die Macht der Gruppendynamik in Verbindung mit dem Hass nachvollziehen), um Merk zu demütigen, nicht zu verletzen.
Bemerkenswert waren die Bierwerfer noch, da es sich hauptsächlich um 40-60 Jährige handelte, die ich für gestandene Familienväter und Grossväter gehalten hätte, also die, denen die verlorene Meisterschaft damals wirklich weh getan hat. Es waren nur wenige “junge Hooligans”.”

[...] Geister, die ich rief | WEB 0.4 [...]

Ich schreibe gerade an einem öffentlichen Brief an die Skyredaktion, die sie natürlich auch bekommen wird!!!

Mach ihn lieber zu, falls es regnet!

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