Im Westen nichts, Neuer

Einen Blick zurück im Zorn auf das gestrige Ballgeschiebe in Bukarest Cluj erspare ich mir an dieser Stelle aus gutem Grunde: Ein Auswärtspunkt beim vermeintlich stärksten Gruppengegner dürfte für den sich nach wie vor in der Findungsphase befindlichen FC Schalke 04 durchaus als zufriedenstellend bezeichnet werden.

Zumal man hinten – so auch gegen vermeintlich kleinere Gegner (und dann auch noch auswärts!) lange nicht mehr geschehen – über 90 Minuten tatsächlich nicht eine einzige Torchance zugelassen hat. Über den Rest des Spiels decken wir hier großmütig den Mantel des Schweigens. Nach vorne fehlte mal wieder die nötige Entschlossenheit, Kreativität und das entscheidende Quäntchen Glück. Von Hans Sarpei ganz zu schweigen, der in letzter Zeit wahrscheinlich mehr Zeit mit Presseterminen als auf dem Trainigsplatz verbringt. Hat er sich aber auch verdient.

Immerhin sind die meisten Schalker Fans, denen an dieser Stelle mein vollster Respekt gebührt, sicher und pünktlich in Cluj angekommen. Und das, obwohl die Busse von Bukarest teilweise auf holprigen Landstraßen hinter Pferdekutschen herfahren (Kabel1 Kommentar) und dabei immer wieder Vampir-Angriffe aus der transsylvanischen Steppe (meine eigene Vorstellungskraft) abwehren mussten. Immerhin ist es von Cluj aus bis zum Schloß des dunklen Fürsten Vlad III. Drăculea, im Westen also known as Graf Dracula, nur ein Fledermausflügelschlag.

Während sich meine Freunde und ich in gesellig-bierseliger Runde den einen oder anderen Spruch vom „blutleeren“ Spiel („Wird Zeit für frisches Blut! Wann wechselt der endlich den Knaben Draxler ein?“) und der erschreckend blass/blutlos aussehenden Spielfeldrand-Reporterin nicht verkneifen konnte, schoss die Wirtin unserer Kaschemme – ihres Zeichens selber gebürtige Vampirin Transsylvanierin – den Vogel ab, als sie uns darauf erklärte, Vlad der Pfähler wäre ja gar kein echter Vampir gewesen, sondern nur ein besonders blutrünstiger Feldherr, der, ich zitiere: „immer das Blut von Babies getrunken hat, weil es einen ja jung hält. Ist ja auch klar, wenn man sowas regelmäßig zu sich nimmt, altert man halt nicht so schnell“. Daraufhin widmete sie sich wieder ihren Gläsern, während ihr ca. 30 Jahre älterer deutscher Ehemann in der Ecke der Kneipe erfolglos versuchte, auf einem Laptop den neuen Planet der Affen runterzuladen. Ein bizarres Bild, fürwahr.

Ein nicht minder bizarres Bild dürfte – 10 Punkte für die Überleitung – die Rückkehr des neuen Torwartangestellten des FC Bayern in sein altes Wohnzimmer sein. Neuer stand selbst lang genug in der Kurve um die Emotionen der Leute dort zu verstehen und sich ungefähr vorstellen zu können, was ihn am Sonntag erwartet. Manager Horst Heldt dazu bei Sport1: „Jeder hat das Recht, den Gegner so zu empfangen, wie er das für richtig hält. Ich rechne mit allem. Es liegt mir fern, den Leuten irgendetwas vorzuschreiben“. Es werde „auch Leute geben, die enttäuscht sind, dass er zu Bayern gegangen ist. Jeder Fan kann das für sich entscheiden, wie er reagiert. Wichtig ist, dass die Fans uns unterstützen“.

Ich selber bin nach wie vor unschlüssig, wie ich mich verhalten werde. Dankbarkeit für eine tolle Vergangenheit auf der einen, Enttäuschung wegen eines üblen Verrats auf der anderen Seite machen es im Vorfeld schwer, sich klar zu positionieren. Muss vielleicht aber auch gar nicht sein. Was passiert, das wird eben passieren. Hauptsache, die Punkte bleiben zuhause. Egal wie. Und dann heisst die Antwort, um endlich auf die hochliterarische Überschrift zurückzukommen, auf die Frage, was es für den Torwartangestellten der Bayern am Sonntag zu holen gibt: „Im Westen nichts, Neuer“.

Glück auf. Ich freu mich.

D04.

David

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Modebeauftragter a.D.
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