We’re gonna fight!
Wir schreiben die 72. Spielminute. Schalke hat es trotz beherztem Kampf bis jetzt nicht geschafft, ManU ernsthaft unter Druck zu setzen, ist die meiste Zeit eher damit beschäftigt, die wirbelnden Spitzen und robusten offensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler des Gegners so weit wie möglich vom eigenen Tor fernzuhalten. Ein Plan, der bisher zumindest ein Mal nicht aufgegangen ist: Bereits in der 13. Spielminute hatte Wayne Rooney seinen Weg durch die Abwehrreihen gefunden und einem teilweise seltsam im Strafraum herumirrenden Manuel Neuer keine Chance gelassen. 1:0 für ManU. In der Schalker Innenverteidigung scheint vor allem Christoph Metzelder mehr und mehr überfordert zu sein, muss ein ums andere Mal durch Halten und Fouls klären und ermöglicht dem Gegner so immer wieder gute Freistoßmöglichkeiten, die schon zu einigen gefährlichen Kopfballversuchen führten. So wie bei Ferdinands Lattenkracher vor 5 Minuten.
Schon wieder ist ManU im Ballbesitz. Vidic fängt den Ball am eigenen Strafraum ab, spielt allerdings nicht weiter ins Mittelfeld, sondern spaziert mit dem Leder am Fuß über das halbe Spielfeld. Matip läuft seit Metern hinterher, kann den quirligen Verteidiger allerdings nicht entscheidend stören. Auf der linken Seite läuft sich Giggs frei, kein Abwehrspieler weit und breit, Vidic setzt zum tödlichen Pass an… da grätscht von der Seite Peer Kluge halb in den Mann, halb in den Ball, alle rechnen mit dem Pfiff des Schiedsrichters, doch dessen Pfeife bleibt still. Stattdessen gelangt das Spielgerät zu Papadopulous, der kurz guckt und einen ansatzlosen hohen tödlichen Pass in die Spitze spielt. Raúl steht sträflich frei – das Fehlen von Vidic kommt dem spanischen Stürmergott jetzt sehr gelegen – nimmt den Ball mustergültig auf, lässt mit einer geschickten Körpertäuschung Rafael da Silva ausstiegen und schiebt den Ball cool und abgeklärt am heraus stürmenden Van der Saar vorbei ins Tor.
Ich schmeiße den Controller neben mich, springe vom Sofa auf und werde von 2 heranstürmenden Freunden umarmt. „Pff, Cheaterspieler“, brummelt mein Gegenspieler neben mir und drückt die Wiederholung weg. Doch das ist jetzt egal. Schalke hat Rückenwind und hält das Unentschieden heroisch-verteidigend bis zum Schlusspfiff. So geschehen gestern abend auf der Playstation.
Worauf ich damit hinaus will? Nichts ist unmöglich! Und, wie Rudi Assauer gerne zu sagen pflegte: Form schlägt immer Klasse. Naja, das „immer“ hab ich jetzt dazugedichtet. Ein bisschen Optimismus muss sein.
Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, wie gering die Chance ist, gegen eine Mannschaft wie Manchester United die nächste Runde zu erreichen. So sagte auch Raúl gestern in einem Interview zum Thema: „Die Logik sagt United“. Aber Raúl weiss so gut wie jeder andere, dass der Fußball vor allem eins oft nicht ist: logisch. Ich meine, wer hätte es für logisch befunden, dass der krisengeschüttelte S04 wenige Wochen vorher den Titelverteidiger Inter Mailand nicht nur schlägt, sondern, ja, im eigenen Stadion düpiert? Oder gegen die Bayern auswärts ins DFB-Pokal-Finale einzieht?
Ich denke zwar, dass – schon alleine von seinem Spielermaterial – ManU weniger dazu tendiert die Schalker Mannschaft so zu unterschätzen wie das Inter zweifellos getan hat. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass Rooney und Co. sich bereits mit einem Bein im Finale wähnen. Und genau da liegt meiner Meinung nach unsere Chance. Wenn unser Team mit Respekt aber ohne Angst, mit Einsatz und Kampf aber ohne blinden Aktionismus an die Spiele rangeht, haben wir eine reale Möglichkeit nach 180 oder vielleicht sogar noch viel mehr Minuten als Sieger vom Platz zu gehen. Und sei es durch ein Elfmeterschießen.
Klar hat ManU die besseren Einzelspieler. Natürlich ist vor allem die 2te Reihe der Engländer um Längen besser besetzt als unsere. Aber auch wir haben Weltklassespieler wie Manuel Neuer – der sich mit einem eventuellen Finaleinzug ein weiteres Denkmal vor seinem Abgang setzen könnte – Jefferson Farfan und Raúl Gonzalez Blanco, die an einem guten Tag ganze Spiele allein entscheiden können. Außerdem stehen dahinter Leute wie Benedikt Höwedes (den wir beim Hinspiel so wie es im Moment aussieht leider schmerzlichen vermissen werden) und Peer Kluge, die keinen Zweikampf verloren geben und damit das Potential haben ManUs Spitzen so zur Verzweiflung treiben zu können. Es muss nur einfach alles zusammen greifen. So wie das bereits bei den Spielen gegen Inter, die Bayern oder auch Valencia der Fall war.
Im schlimmsten Fall verlieren wir halt. Eventuell sogar mit einigen Toren Abstand. Aber – und das ist meiner Meinung nach eben auch alles andere als unmöglich – im besten Falle stehen uns 180 denkwürdige Minuten bevor, an deren Ende unser geliebter, seltsamer, krisengeschüttelter, königsblauer EssNullVier im Finale der Champions League steht. Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen.
Glück auf.
D04.
Song des Spieltags: 7 SECONDS – “We’re Gonna Fight”. Jeglicher Kommentar erübrigt sich wohl :)


Es ist doch scheißegal, wie das ausgeht. Wir sind im Halbfinale. Hinsetzen, zugucken, genießen.