29 Mai

Ein Schalker vor der WM

Schon seit zwei Wochen hängen sie wieder aus schmuddeligen  Ruhrgebietsfassadenfenstern und machen Flätterchen auf Mittelstandslimousinen bei den Fahrten zum Getränkemarkt: die Fähnchen. – Nein, nein, nicht nur schwatz-rot-gelbe, auch italienische, griechische… ein portugiesisches Flägglein habe ich schon gesichtet. Und, komisch, noch kein rotes mit Sichelmond.

War ich vor vier Jahren irritiert, dass so viele Deutsche dFahn’erussjehange hatten – und mit mir die Fahnerusshänger selber – so wundert mich in diesem Jahr, wie früh das schon anfängt. Die ersten Farben klebten schon am taubenverschmierten Sims, da hatte der Prince noch gar nicht getreten. Ob das wohl einer echten Vorfreude entspricht? Oder anders: Verhält sich die Nation tatsächlich so, wie die Flachbildschirm-/Grillwürstchen-/Bierkönige-Werbe-Industrie uns das infiltrieren möchte?? – 2006 war super, keine Frage, auch wenn ich den medial verklärenden Märchenbegriff in diesem Zusammenhang nicht nur nie verstanden, sondern geradezu abgelehnt habe. Sommermärchen: so ein Unsinn. Weder sind 2006 feenhaft – also vom Himmel geschenkt – kollektive Wünsche erfüllt worden, noch traf ein anderer Aspekt zu, den man „märchenhaft“ nennen könnte, nämlich der, dass eigentlich ja alles nicht wahr war, lediglich Trugschluss, bestenfalls Legende… Nein, bzw. ja: Es WAR eine tolle Fete im Sommer 2006. Ja, durchaus auch MIT den vielen Fähnchen, aber weil sie so bunt waren und weil „die Nation“ alles in allem als prima Gastgeber eines schönen Sportfestes hat funktionieren können. (Oder sich erlaubt hat, so zu funktionieren.)
Der ganze Gastgeberstatus ist futsch. Und der Glaube an die Mannschaft hat eine ganz andere Dynamik… Die damalige Komm-wir-schaffen-das-Grinse-Hoffnungsgabe des blonden der beiden Schwaben war so angelegt, dramaturgisch. Wir können nix, aber mit Hoffnung und Mut und Geschick könnts was geben. Und es gab was. Und diesmal? – Wir könnten, aber wir wollen anscheinend nix. Zu viel Skepsis statt Hoffnung, zu viel Dreistigkeit statt Mut, und schließlich ein stattlich Maß an Ungeschick. – Und so wundere ich mich über die Fähnchen, schon so früh: denn mir schickt die WM kaum Vorfreude-Sternchen ins Haus. Merke nach wie vor, ach Schalke, die schöne Saison, ach, und wann gehts endlich weiter, gegen wen treten wir am ersten Spieltag an (und mit welchem Team…)… Alles viel interessanter, das.
Gut. Wahrscheinlich wird es wieder ein bisschen funktionieren, das eine oder andere Spiel gucken, sich als Gast auf einem ein klein-bisschen-globalen Sportfest wähnen, die Daumen für eine exotische Außenseitermannschaft drücken, eine, die man schon vorher gut fand, weil man da immer mal hin wollte, und während des Turniers eine, die auf einfach bezaubernde Art und Weise unsere geliebte Sportart ausüben wird… immer lachende Südafrikaner (im TV), hübsche Fans in knappen gelbgrünen Shirties (fast nur im TV), und blöde Kommentatoren (im TV und überall) und Experten vom BvB (in der Halbzeit) und und und.
Mal gucken. Im Moment habe ich noch nicht mal Lust auf ein Tippspiel. Und denke, Hauptsache, der Manuel, der lässt sich da bei denen nicht verbiegen. Und erzählt den Nationalmannschaftskollegen, wie schön es auf Schalke ist.

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
André

Letzte Artikel von André (Alle anzeigen)