24 Mrz

Ich klage an…

Es war Zweitausendundeins, im Sommer. Vielleicht war es auch erst einige Monate, ja, eventuell auch genau ein Jahr nach der verdienten Meisterschaft meines Lieblingsclubs, die uns auf mysteriöse Art und Weise entzogen wurde. Jedenfalls, oder diesenfalls ist da etwas in mir gestorben. Oder vielleicht auch gewachsen!

Ich hatte die „totale Euphorie“ für meinen Lieblingsclub, die mich in den Ären Berger und Assauer stets begleitete, gegen einen gesunden Selbstschutz eingetauscht. Pessimismus wurde kurzerhand in Realismus umbenannt und die nicht unbedingt großen aber tollen Erfolge bis 2008 fanden ohne meine Vorhersage statt, wurden aber durchaus von mir gefeiert. Die Niederlagen schmerzten nicht mehr so, wurden schnell abgehakt. Und unerwartete Überraschungen können einen bekanntermassen in große Freude versetzen. Alles supi also. Weniger Leidenschaft, die weniger Leiden schafft – auch wenn irgendwas fehlte. So ging es dann bis zum Gipfel im Winter 2008. Mein Club ging vor die Hunde und ich sah teilnahmslos zu! Kopfschütteln war angesagt. Das erste mal seit meinem Erstbesuch im Parkstadion hatte ich nichts entgegenzusetzen, wenn jemand über meinen Verein spottete! Kurz: Es war grausam!

Umso mehr freute ich mich, als im letzten Frühjahr alle Zeichen auf Neuanfang standen. In meinen Gehirnwindungen wurden die schönsten Filme aus den Jahren 93 bis 97 abgespielt und ich stellte mir vor wie die ganze Arena sich im Sommer 2010, nach knapp geschafften Klassenerhalt, in den Armen liegt und die Geringverdiener-Mannschaft frenetisch feiert! Und alle schrieen „O-li-ver Ka-han!“ Und 2015 schaffen wir unter Lothar Matthäus den langersehnten Einzug in die Euro-League und alle sind glücklich und zufrieden!

Und dann? Dann kam Magath und zerstörte meine Träume! Platz 2 in der Tabelle, DFB-Halbfinale gegen die Bayern und das ohne Stareinkäufe und allzu großen Veränderungen in der Mannschaft (mal abgesehen von dem einen oder anderen Amateur, der erfolgreich ins Team integriert wurde, oder der hoffnungsvollen „Zukunftsverpflichtung“, die dazugeholt wurde…

MAGATH, ICH KLAGE AN: Du hast meinen Selbstschutz ausgehebelt! Während ich beim bisherigen Saisonverlauf immer auch mit einer guten Niederlage zufrieden gewesen wäre, musstest du rückstände aufholen lassen, siegen, knapp verlieren, aber am nächsten Spieltag wieder Vollgas geben!

Und nun? Nun kommt das erste große „Alles oder Nichts“-Spiel! Ich zittere, wenn ich an den heutigen Abend denke und ich werde wie früher da sitzen, und alle meine Gefühle in die Waagschale werfen und entweder einen Klimaxartigen Freudeschub oder aber die totale Verbitterung erleben.

Ich freue mich drauf, denn der Optimismus ist ja wieder mein Realismus…

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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Strom sagt:

Skandy, mir kommen die Tränen. Ich wusste nicht, dass unter so einem harten Kern, so viel Epik, so viel Pathos steckt. Nun aber zurück zum Ernst und hin zum Punkt:
Fussball, um genau zu sein, Schalke unter Magath, hat tatsächlich einen neuen Blick gefordert. Du hast richtig festgestellt, dass die „guten Niederlagen“ ebenso für ein wohles Fan-Gemüt gesorgt haben, die jetzt auf einmal durch effizienten, mittelfeld-ästhetisch eher nachrangingen Fussball, ein merkwürdiges Update erfahren.
Joker-Nase, notwendige Muße, und präzise kalkulierte Journalisten-Polemik machen Magath zu einem Samurai. Bauern (um im Bild zu bleiben), werden Kampftugenden gelehrt, um gegen den mächtigen Feind Widerstand leisten zu können. Hier aber: mit List, nicht mit Kraft.

Und dann kommt sowas: Magath lässt diese Woche Asa im Trainingsspiel in der Startelf spielen (häufig trainieren ja Stamm- gegen Auswechselspieler) und zwar als Sechser. Das hieße, Asa gegen den Bommel.
No guilt, all pleasure.